Die­se, von dem War­ne­mün­der Foto­gra­fen­meis­ter Wolf­hard Eschen­burg gefer­tig­te, heu­te als Nach­lass im Hei­mat­mu­se­um befind­li­che Repro­duk­ti­on eines nicht bekann­ten Foto­gra­fen zeigt die War­ne­mün­der Müh­le in den Jah­ren vor 1930. Damals gab es noch kei­ne Bebau­ung in der Laak- und in der Däni­schen Stra­ße.

Meck­len­bur­gi­sche Volks­über­lie­fe­run­gen:

Die War­ne­mün­der Müh­le

auf­ge­schrie­ben von Richard Wos­sid­lo: Du Gri­se­grä­se­grau, stehst alle Nacht in’n Dau, un hest nich weder Fleesch un Bloot, un deist doch alle Min­schen goot.

Bil­der aus Alt-War­­ne­­mün­­de:

Kein ande­rer Ort mit der­art vie­len Beson­der­hei­ten

Richard Wos­sid­lo schrieb vor mehr als 100 Jah­ren die Erzäh­lun­gen der War­ne­mün­der auf:

Auf Grund ein­drin­gen­der Erkun­dun­gen, die ich in den letz­ten Jah­ren bei den bejahr­ten Bewoh­nern des Ortes ein­ge­zo­gen habe, will ich ver­su­chen, hier in kur­zen Zügen das Leben und Trei­ben der War­ne­mün­der Bevöl­ke­rung in der Zeit um 1870 her­um zu schil­dern. Kein ande­rer Ort in ganz Meck­len­burg hat­te frü­her so viel Beson­der­hei­ten des Volks­tums auf­zu­wei­sen, wie gera­de War­ne­mün­de. Die­se star­ke Eigen­art des Hafen­or­tes geht in sehr alte Zeit zurück. Es ist voll­kom­men sicher, dass bei der Neu­be­sie­de­lung nach der Wen­de­zeit, also um 1200 her­um, neben Zuwan­de­rern aus West­fa­len, die auch im benach­bar­ten Häger-Ort sich ansäs­sig mach­ten, hier in War­ne­mün­de auch fremd­stäm­mi­ge und zwar frie­si­sche und hol­län­di­sche Kolo­nis­ten sich an-gesie­­delt haben.

Nach Fries­land wei­sen neben der Laut­ge­stalt der Mund­art, auf die ich zurück­kom­men wer­de, aller­lei Eigen­hei­ten sowohl in der Bau­art der Häu­ser, als auch im Betrieb der Fische­rei. Auch die allen Bade­gäs­ten bekann­te Bezeich­nung Jol­le für das gro­ße Fischer- und Segel­boot,  wei­ter  der Vor­na­me Jaap für Jakob, die Sit­te, bei Hoch­zei­ten den Gäs­ten Ton­pfei­fen dar­zu­rei­chen und ande­res mehr sind frie­si­scher Her­kunft. Auf Ein­wan­de­rung aus Hol­land führt  – neben der unge­wöhn­li­chen Sau­ber­keit der Häu­ser – schon die alte Über­lie­fe­rung, dass die Besat­zung eines schiff­brü­chig gewor­de­nen hol­län­di­schen Schif­fes die ältes­ten Bewoh­ner War­ne­mün­des abge­ge­ben habe. Auch eine der Eigen­tüm­lich­kei­ten der alten War­ne­mün­der Tracht, die sich über­haupt durch cha­rak­te­ris­ti­sche Ein­zel­zü­ge von der Volks­tracht der Ros­to­cker Gegend unter­schei­det, – das so genann­te Heu­ken, d. h. der Man­tel den in alter Zeit die Braut tra­gen muss­te, ist aus Hol­land ent­lehnt.

Woher die bedeut­sa­me, an alte Kul­tur­ver­hält­nis­se gemah­nen­de Stel­lung des Reis­kes­sels bei der Hoch­zeits­fei­er alter Zeit ihren Ursprung genom­men hat, bedarf noch der Fest­stel­lung. Die Vor­schrift, dass kein Hoch­zeits­gast den gro­ßen Kes­sel berüh­ren dür­fe, dass aber die Braut unter ihm hin­durch­krie­chen  müs­se, und der Brauch, dass die Braut­jung­fern den Kes­sel sin­gend umtan­zen, sind im übri­gen Meck­len­burg völ­lig unbe­kannt und sicher aus der Frem­de über­nom­men.

Trotz – oder viel­leicht auch gera­de wegen jener knor­ri­gen Eigen­art der War­ne­mün­der haben sich die Bade­gäs­te stets wohl gefühlt im Orte. Man­che Fami­li­en, so auch mei­ne eige­nen Eltern, haben vie­le Jah­re lang im sel­ben Haus gewohnt. Mit­tel­punkt des Bade­le­bens war frü­her die Vog­tei. Die alten War­ne­mün­der selbst bade­ten nicht.  Bad’t würd nich von de Ollen – dor würd dat Fell dünn’na, säden se. Wat hest du di ümmer to waschen un to baden, sag­te eine alte Fischer­frau zu ihrem Sohn: du ver­schlierst jo bloot dien Huut.

Bei dem kärg­li­chen Boden, der grö­ße­ren Gemü­se­an­bau nicht zuließ, und dem gerin­gen Ver­dienst war die Lebens­wei­se der Bevöl­ke­rung in alter Zeit sehr beschei­den. Die Nie­der­las­sung von Schlach­tern (eben­so wie von Bäckern) war von Ros­tock ver­bo­ten.

Die Nah­rung bestand schon des­halb, zumal im Som­mer, haupt­säch­lich aus Fischen. Dor­sche und Mai­schol­len wur­den getrock­net und für den Win­ter auf­be­wahrt. Der aus Schwe­den bezo­ge­ne Klipp­fisch muss­te, um genieß­bar zu wer­den, zunächst mit dem Wasch­holz weich­ge­klopft wer­den. See­leu­te, die frü­her auf Schif­fen gefah­ren waren, hat­ten die alte See­manns­spei­se, den im Sack gekoch­ten Pud­ding, den soge­nann­ten Büdelklump, im Orte hei­misch gemacht. Die übli­che Fest­spei­se war Brat­aal mit Plum­men­klüüt. Eine will­kom­me­ne Abwechs­lung bot im Win­ter die Eis­ente (Klaas­hahns genannt), dar, die ent­we­der am Ost­see­strand in Net­zen gefan­gen oder auf dem Breit­ling in den eis­frei­en Waken, an die man sich in wei­ßen Kit­teln her­an­schlich, geschos­sen wur­de.

Die Arbeit der Frau­en war frü­her so schwer, wie nir­gends sonst  in Meck­len­burg. Flei­ßig sind die War­ne­mün­de­rin­nen, früh am Mor­gen sieht man sie begin­nen, eh’ Tag anfängt, singt ein altes Lied.

Jede Bequem­lich­keit fehl­te. Schon das Her­an­ho­len des Süß­was­sers aus den bei­den Pum­pen des Ortes (bei Stra­len­dorfs Hotel und in den Anla­gen) war nament­lich für die Bewoh­ner des Ros­to­cker Endes über­aus läs­tig. Das Holz wur­de aus der Ros­to­cker Hei­de geholt. Vör Dau un Näbel gün­gen wi los up Söck­na­sen, also auf alten, mit Segel­zeug benäh­ten Strümp­fen – Den gan­zen Win­ter hen­dörch würd spun­nen un wun­nen: Hanf für die Net­ze, dane-ben Flachs, der auf dem Michae­lis­markt in Ros­tock gekauft war, und Wol­le. Die Kin­der muss­ten den Has­pel dre­hen. Wenn de Fru­gens uppe Stra­at gahn deden un sik wat ver­tell­ten, had­den se dat Knütt­lüüg unner’n Arm, – man sehg keen Fru recht ahn Knütt. Die gefan­ge­nen Fische wur­den Tag für Tag von den  Frau­en nach Ros­tock gefah­ren: zehn bis zwölf Frau­en, jede mit  drei bis vier mit Fischen gefüll­ten Kör­ben, ruder­ten die schwe­re Jol­le –  nur bei ganz gutem Win­de wur­de gese­gelt.

Die schwers­te Arbeit war das Sand­fah­ren in den bis zur Ree­ling bela­de­nen Boo­ten. Begehrt war nament­lich von den Ros­to­cker Kon­to­ren als Streu­sand der rote Sand von der Ost­sei­te, der nach Nord­ost­stür­men müh­sam zusam­men­ge­sucht wur­de. Sees­sand von der West­sei­te wur­de viel­fach auf gro­ßen Peek­schlit­ten nach der Stadt gefah­ren; schon ein däni­scher Offi­zier in einer Rei­se­be­schrei­bung vom Jah­re 1809 weiß die Gewandt­heit der Frau­en in der Füh­rung sol­cher Schlit­ten zu rüh­men.

Auch die Mäd­chen wur­den früh an Arbeit gewöhnt. To’n Spä­len had­den wi nich recht Tiet,  sag­te mir eine Frau – wi müss­ten knüt­ten un sti­cken.

Die erwach­se­nen Töch­ter wur­den in stren­ger Zucht gehal­ten. Wenn in’n Früh­johr abends Jubel un Tru­bel wier von all de fröm­den See­lüd’, dörf­ten de Dierns nich uppe Stra­at – dat leden de Oel­lern nich.

Ganz im Gegen­satz zu die­ser Gebun­den­heit der weib­li­chen Jugend war das Leben der War­ne­mün­der Jun­gen frü­her ganz von unge­zü­gel­ter Jugend­lust erfüllt  – die Augen der Alten wer­den hell, wenn sie von ihrer Kind­heit erzäh­len.

(Aus­schnit­te aus einem Run­d­­funk-Vor­­­trag von Richard Wos­sid­lo, gefun­den im Nord­deut­schen Leucht­turm, der Wochen­end­bei­la­ge der Nord­deut­schen Zei­tung, 1955; Der Gym­na­si­al­pro­fess­sor Richard Carl Theo­dor August Wos­sid­lo (26. Janu­ar 1859 in Fried­richs­hof – 4. Mai 1939 in Waren (Müritz)) bereis­te ab 1883 nahe­zu jeden Ort in Meck­len­burg. Er gilt als Nes­tor der meck­len­bur­gi­schen Volks­kun­de und als Mit­be­grün­der der deutsch­spra­chi­gen Volks­kun­de

Die Alex­an­dri­nen­stra­ße

In War­ne­mün­de ist ’ne Stras­se Gefähr­lich wohl in hohem Mas­se. Für jeden der kein Auto hat Zum min­des­ten jedoch ein Rad Ich rat’ Dir, geh’ zu Fuss da nicht Weil gar gefähr­lich die Geschicht. Leicht wirst Du auf dem Fahr­weg gehn Weil oft da kein Trot­toir zu sehn. Willst Du zu Wagen sie pas­sie­ren Musst Du Dein Ross schritt­wei­se füh­ren. Und da kann es auch leicht dann sein Dass schnell dich holt ein Auto ein. Und das ein Unglück ist geschehn Eh’ ihr ein­an­der recht gesehn. Denn ach! es ist gar eng und krumm Die zwei­te Reih’, ich rat Dir drum, Nennst weder Auto noch Rad Du Dein Lass da das Gehn und Fah­ren sein. Fahr lie­ber da im Luft­bal­lon Wenn es nach dem Okto­ber schon. Doch wenn es ist die Bade­zeit Dann gehn da ja auch frem­de Leut. Die darf denn nie­mand über­fah­ren Die muss man doch davor bewah­ren; Dar­um dann Auto nicht noch Rad Die Stras­se zu pas­sie­ren hat.

Dann kannst Du ohn’ Gefahr bequem  Da gehn und fah­ren wie genehm. Es wer­den dann auch manch­mal kom­men Die Her­ren, die, zu Nutz und From­men In allen War­ne­mün­der Sachen Recht haben und Gesetz’ uns machen. Sie woh­nen hier nicht immer fest. Wohl mal’ ne Zeit als Bade­gäst’. Drum sehen sie viel­leicht zu meist. Was nütz­lich sich für die erweist: Doch was uns andern nötig tut Das sehen sie dann nicht so gut.

(Aus dem Heft War­ne­mün­der Strand­gut, gesam­melt von Emi­lie Scho­mann, Ros­tock, Ww. H. Winterberg’s Buch­dru­cke­rei 1908)

Ver­mumm­te Gestal­ten in der Advents­zeit

Ein alt­meck­len­bur­gi­scher Brauch/ Von Richard Wos­sid­lo

Ein Brauch, des­ses heid­ni­scher Cha­rak­ter mit Hän­den zu grei­fen ist, ist der Umzug ver­mumm­ter Gestal­ten in der Advents­zeit, wenn der Ruklas, d. h. der rau­he, in Erb­sen­stroh gehüll­te Niko­laus mit sei­nen Genos­sen im Dor­fe umgeht. Eine Fei­er des Niko­laus­ta­ges selbst (also am 6. Dezem­ber), wie sie in ande­ren deut­schen Län­dern üblich ist, ken­nen wir in Meck­len­burg nicht; bei uns fin­det der Umzug immer erst in der letz­ten Woche vor Weih­nach­ten, meis­tens am Hei­lig­abend, statt. Gefolgt war Niko­laus im sieb­zehn­ten Jahr­hun­dert, wie wir aus einer her­zog­li­chen Ver­ord­nung wis­sen, vom hei­li­gen Mar­tin. Heu­te beglei­ten ihn der Schim­mel, der Zägen­buck, der Spitz­kopp, der Knap­per­dacks (so genannt wegen des zusam­men­klapp­ba­ren Unter­kie­fers, den der Kopf die­ser Gestalt trägt), der Rum­pre­cker, Rump­sack und ande­re Genos­sen.

Geht man dar­an, die ver­wir­ren­de Mas­se der Ein­zel­for­men die­ses Brau­ches zu ord­nen, so erge­ben sich aller­lei ört­lich begrenz­te Grup­pen. Beson­ders  beach­tens­wert ist, dass im Süd­wes­ten der Ruklas (oder Kling­klas) immer nur am Sil­­ves­­ter-Abend  erscheint, wäh­rend am Christ­abend der Kinn­jees (d. h. Kind Jesus) oder Kann­jees oder Konn­jees umgeht, ein in wei­ßes Gewand gehüll­ter Bur­sche, der die Kin­der zum Beten mahnt.

Dass der Ursprung des gan­zen Brau­ches  ins Hei­den­tum zurück­geht, macht schon der Cha­rak­ter der von den Kin­dern den ver­mumm­ten Gestal­ten zuge­ru­fe­nen Rei­me wahr­schein­lich, die zum größ­ten Teil von star­ker Derb­heit sind und viel­fach auf eine frei­lich unbe­wuß­te Ver­spot­tung christi­li­cher Kult­for­men hin­aus­lau­fen. Bewei­send ist auch die fast in jedem Dorf umlau­fen­de Sage, daß den Rukla­sen gern, sobald sie die Feld­gren­ze über­schrei­ten, der ähn­lich ver­mumm­te Teu­fel gegen­über­tritt, der sich dann meis­tens den Über­mü­tigs­tens aus der Schar als Opfer aus­er­sieht. Vie­le Eltern dul­den denn auch in einem dunk­len  Gefühl für das Heid­ni­sche des Brau­ches  nicht, daß sich ihre Söh­ne an den Ver­mum­mun­gen betei­li­gen.

(Ent­nom­men dem Nord­deut­scher Leucht­turm, Wochen­end­bei­la­ge der Nord­deut­schen Zei­tung, 26. Novem­ber 1955)

Fast­nacht: ein Ess- und Trink­ge­la­ge

Der Fast­nachts­abend ist frü­her bei uns in Meck­len­burg als Eß- und Trink­ge­la­ge gefei­ert wor­den – wie ein Pas­tor der Gnoie­ner Gegend es im 17. Jahr­hun­dert aus­drückt: “Die Fas­t­­nachts-Schwär­­mer schä­men sich nicht vor Gott oder Men­schen, sau­fen sich voll und gie­ßen das Bier ein wie die Kuh das Was­ser.” Poli­zei­li­che Ver­bo­te blie­ben ohne Wir­kung.

Noch vor etwa 20 Jah­ren währ­te bei Ros­tock her­um die Fei­er von Mitt­woch bis Sonn­tag, im Rat­ze­bur­gi­schen sogar eine gan­ze Woche hin­durch. Im Süd­wes­ten wer­den die Kos­ten des Fes­tes von den Mäd­chen bestrit­ten. Dafür hat­ten sie bei dem Tanz das Kom­man­do. Als Zei­chen ihrer Herr­schaft ward ein gro­ßer Pan­tof­fel im Saal unter der dort ange­brach­ten, reich mit Lexen ver­zier­ten Kro­ne befes­tigt. In der Sta­ven­ha­ge­ner Gegend steck­ten die jun­gen Män­ner am Abend vor der Fei­er den Mäd­chen, die sie gern hat­ten, einen Fas­tel­abend­strutz ans Fens­ter. In Kraak muss­ten sich beim Fast­nachts­bier die etwa neu­zu­ge­zo­ge­nen Bau­ern in die Snu­ten­lad ein­kau­fen, die der Schmied des Dor­fes in Ver­wah­rung hat­te, wobei sich der Preis nach der Grö­ße der Nase rich­te­te.

Auch an aller­lei Ver­mum­mun­gen hat es nicht gefehlt. In Plau  zogen am Fas­tel­abend die Tuch­ma­cher­ge­sel­len umher. Einer hat­te sich als Bär ver­klei­det; so ging es zu den Meis­tern, die die über­mü­ti­ge Schar bewir­te­ten. Am Abend war ein Tanz­fest der Zunft. Durch das gan­ze Land ver­brei­tet war frü­her das Auf­tre­ten des Schim­mel­rei­ters, der oft von einem gan­zen Gefol­ge – einem Schmied,  Dok­tor Eisen­bart und ande­ren mehr – umge­ben war. Zum Schluss pfleg­te der Rei­ter die gan­ze Fest­ge­sell­schaft aus einer gro­ßen Fla­sche zu bespren­gen. In den meis­ten Tei­len Meck­len­burgs wur­de in der Fas­ten­zeit frü­her das so genann­te Stü­pen vor­ge­nom­men, dass aus Reuter’s Dörcht­läucht­ing  bekannt ist. Mit einer abge­schäl­ten Hasel­ru­te oder einem Vogel­beer­zweig in der Hand dran­gen die jun­gen Leu­te in die Mäd­chen­kam­mer, um die Mäd­chen zu schla­gen. Das ist ein uralter, durch ganz Euro­pa hin­durch­ge­hen­der Frucht­bar­keits­zau­ber: die Lebens­kraft der fri­schen Pflan­zen­trie­be soll durch das Schla­gen auf den Men­schen über­tra­gen wer­den  – wie in Russ­land dabei geru­fen wird: Krank­heit in den Wald, Gesund­heit in die Gebei­ne.

Beson­de­ren Cha­rak­ter hat­te die Fas­ten­zeit an der Ost­see­küs­te, wo die Kin­der,  Gaben hei­schend, mit dem Rum­mel­pott umgin­gen, d.h. mit einem mit einer Schweins­bla­se bespann­ten Topf, in des­sen Mit­te ein Stock gesteckt war, durch des­sen Umdre­hung ein rum­meln­des Geräusch her­vor­ge­bracht wur­de. Auf Poel gehen die Kin­der hie und da noch heu­te umher, um klei­ne Gaben zu erbit­ten. Frü­her tru­gen sie dabei gro­ße Stö­cke, in wel­che Zwei­ge hin­ein­ge­steckt waren, auf denen aller­hand Geschen­ke befes­tigt wur­den.

(Aus: Alt­meck­len­bur­gi­sche Sit­ten und Bräu­che von Prof. Dr. Richard Wos­sid­lo, gefun­den im Nord­deut­schen Leucht­turm vom 19./ 20. Febru­ar 1955).

Ollen Kamel­len auf der Spur

2024 Ein Jahr, in dem sich der Todes­tag von Fritz Reu­ter zum 150. Mal jährt. Olle Kamel­len und ab und an eine Reu­­ter-Spur in uns Warn­münn

„Olle Kamel­len“ so steht‘s gleich auf dem Titel­blatt eines Reu­ter Ban­des von 1901 aus der „Hinstorff‘sche Hof­buch­hand­lung“ in Wis­mar, den ich gera­de aus dem Bücher­schrank zog.

Dies ist eine davon: Klar, wis­sen beson­ders de Öllings oder deren Kin­der, dass der Platt­deut­sche Ver­ein im Jah­re 1905 uns oll Frit­zing zu Ehren eine Eiche in Höhe der Park­stra­ße gepflanzt hat. Doch wo ist sie?

Am 12. Juli 2024,  zum 150.Todestag des weit über die Gren­zen Meck­len­burgs bekann­ten Dich­ters, des Man­nes, der die nie­der­deut­sche Spra­che zu einer Lite­ra­tur­spra­che mach­te, wol­len das Hei­mat­mu­se­um, zahl­rei­che War­ne­mün­der Ver­ei­ne nun gemein­sam mit dem Grün­amt eine Bank um eine eben­bür­ti­ge Eiche stel­len, eine Tafel mit Inschrift  ver­an­kern, damit die Erin­ne­rung an Fritz Reu­ter leben­dig bleibt und hier viel­leicht nie­mod­sche Kamel­len ver­tellt wer­den kön­nen.

Kom­men wir zu einer wei­te­ren Erin­ne­rung an Fritz Reu­ter, die mit unse­rem Ort eng ver­bun­den ist.

Bei der ältes­ten Ham­bur­ger Ree­de­rei Slo­mann, fuhr ein Segel­schiff mit 3‑Mast-Vol­l­­schiff-Take­la­­ge ab 1874 unter dem Namen „Fritz Reu­ter“ mit Aus­wan­de­rern über den Atlan­tik nach Aus­tra­li­en und Neu­see­land. Ein wei­te­res Schiff von Slo­mann trug den Namens­zug „Stromt­id“.  Der För­der­ver­ein für Schiff­fahrts­ge­schich­te Cux­ha­ven lässt uns dazu wis­sen „Es wird immer wie­der behaup­tet, dass das bekann­te platt­deut­sche Shan­ty “Ick heff mol een Ham­bor­ger Veer­mas­ter seen” sich auf die „Fritz Reu­ter“ bezieht. Dage­gen spricht, dass die „Fritz Reu­ter“ nur drei Mas­ten besaß.“

Egal, ein schö­nes Dönt­jes….

Und auch das ist für mich ein Schätz­chen der Hei­mat­ge­schich­te, dem wir mit­hil­fe von  Ben Boh­mann, Pro­fes­sor in Mün­chen,  auf die Spur gekom­men sind. Er forscht in Sachen Stamm­baum in unse­rem Ort. Aller­dings kann er kei­nen Nach­weis fin­den, wann Fritz Reu­ter viel­leicht mit Sack und Pack ei-ne Veran­da in de Vör­reeg ange­mie­tet hat­te und am Strand Erho­lung such­te.  Aber er fand etwas ande­res:

In War­ne­mün­de leb­te der Arzt Carl (Edu­ard, Samu­el, Fer­di­nand, Lude­wig) Uter­hart (1835 – 1895). Er stu­dier­te Medi­zin in Ros­tock und prak­ti­zier­te – laut Adress­buch – 1861 hier in War­ne­mün­de als Arzt. Die­ser hat­te anschei­nend Hum­meln im Aller­wer­tes­ten. Sein Nach­bar vom Strom 123, dem Quar­tier IV ,  Kapi­tän Ste­phan Jant­zen, hat­te vor, mit sei­ner Bark „Johan­nes Kep­ler“ in die Unites Sta­tes zu segeln. Uter­hart war dabei.

Ab Dezem­ber 1874 war es die „Fritz Reu­ter“ mit der der War­ne­mün­der von Ham­burg nach Napier in Neu­see­land Aus­wan­de­rer als Schiffs­arzt beglei­te­te.

War­ne­mün­de zog ihn aber immer  wie­der an Land. Zu Hau­se war­te­te Doro­thea Ohle­rich,  eine fesche Nach­ba­rin auch im IV.Quartier. Bei­de hei­ra­te­ten am 8.Mai 1878. Sie zogen in die Wohn­bu­de 32a, heu­te Am Strom 90–91.

Aus unse­rem heu­ti­gen Ost­see­bad kann ich aber auch Nie­mod­sches auf­schrei­ben.

Vor der „Fritz Reu­ter Schu­le“, in denen Gene­ra­tio­nen des Ortes gelernt haben, und die jetzt eine inter­na­tio­na­le Pri­vat­schu­le ist,  steht es in Gra­nit gemei­ßelt: „De Hauptsak is, liehr wat, Jehann“.  Über 500 Schü­ler büf­feln unter der Lei­tung von Schul­lei­te­rin Kat­ja Dudeck und Schul­grün­der Sven Olsen um ihr Abitur zu schaf­fen, ihren Weg in die Welt zu gehen.

An sei­ne Lands­leu­te gerich­tet, sag­te Reu­ter zu sei­ner Zeit wenn etwas nicht gleich klap­pen woll­te – viel­leicht heu­te in unse­rer Schu­le in der Fritz-Reu­­ter-Stra­­ße bei Mathe oder Deutsch? –  „Ja, oewer‘t wir doch arger­lich, indes­sen doch, den help dat nich!“  denn „De Hauptsak is, lier war, Jehann.“

Soweit de auf­ge­spür­ten Kamel­len. Moni­ka Kad­ner

(aus­führ­li­cher zu lesen im Tidings­brin­ger 28)